Botschaft zum Internationalen Tag des Tanzes 2012

Die endlose Choreografie des Lebens feiern

von Sidi Larbi Cherkaoui

Das, was durch Jahre und Zeiten hinweg am längsten Bestand hat, ist die Kunst. Alles, was die Menschheit ihren Erben hinterlässt, scheint Kunst zu sein – ob als Bauten, Bücher, Gemälden oder Musik. Oder als Bewegung, oder als Tanz. Aus diesem Grunde betrachte ich Tanz als die gegenwärtigste, die aktuellste Geschichtslektion, da er in ständiger Beziehung zu seiner jüngsten Vergangenheit steht und nur in der Gegenwart stattfinden kann.

Mir scheint auch, Tanz akzeptiere Grenzen nicht auf die Art wie viele andere Künste es tun. Auch wenn bestimmte Stile versuchen, sich einzugrenzen oder innerhalb eines Rahmens zu arbeiten: Die Bewegung des Lebens, ihre Choreografie und ihr Bedürfnis im Fluss zu sein nehmen sehr schnell überhand und ermöglichen die Vermischung von Stilrichtungen. Alles begegnet sich auf natürliche Weise und der Tanz lässt sich nur in dem Raum nieder, in den er gehört – dem der sich ständig verändernden Gegenwart.

Ich glaube, dass Tanz vielleicht einer unserer ehrlichsten und deshalb wertvollsten Ausdrucksformen ist. Denn wenn Menschen tanzen, ob in einer Ballett-Aufführung, einem Hip-Hop-Battle, einer alternativen zeitgenössischen Produktion oder einfach in einem Club, beim beseelten Loslassen werden selten Lügen gebraucht oder Masken getragen. Menschen reflektieren sich gegenseitig fortwährend, aber beim Tanzen reflektieren sie wahrscheinlich vor allem diesen Moment der Ehrlichkeit.

Indem man sich wie andere Menschen und mit anderen Menschen bewegt, und indem man ihren Bewegungen zuschaut, kann man ihre Gefühle und Gedanken am besten nachspüren, und sich mit ihrer Energie verbinden. Vielleicht dann erst kann man sie richtig kennen und verstehen lernen.

Für mich ist eine Tanzaufführung wie eine Feier des Zusammenlebens, eine Möglichkeit zu geben und Raum und Zeit füreinander zu schaffen. Oft vergessen wir, dass das grundlegend Schöne an einer Aufführung in erster Linie die Zusammenkunft einer Menge von Menschen ist, die nebeneinander sitzen und den Augenblick teilen. Da ist nichts Privates daran; eine Aufführung ist ein äußerst gesellschaftliches Erlebnis. Wir versammeln uns, um dem Ritual beizuwohnen, das unsere Verbindung mit der Aufführung, unsere Verbindung mit derselben Gegenwart darstellt.

Deshalb wünsche ich allen im Jahr 2012: Viel Tanz. Das heißt nicht, all unsere Probleme vom letzten Jahr zu vergessen, sondern vielmehr, sie kreativ anzugehen, sie zu umtanzen, um eine Möglichkeit zu finden, miteinander und mit der Welt in Beziehung zu treten, mit dem Leben in Beziehung zu treten als Teil seiner endlosen Choreografie. Tanzen wir, um Ehrlichkeit zu finden, sie zu vermitteln, zu reflektieren und zu feiern.

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Grußwort des Staatssekretärs Herrn Jürgen Walter

In Baden-Württemberg findet sich eine künstlerisch und institutionell vielfältige Tanzszene, die dem zeitgenössischen Tanz in einer großen Bandbreite Ausdruck verleiht: Im Ballett der Staatstheater, in den Ensembles der Stadttheater bis hin zu den freien Tanzgruppen. Mit seinen vielfältigen Darstellungsformen ist der zeitgenössische Tanz heute ein Innovationsmotor der darstellenden Künste. Er begeistert sowohl Kinder und Jugendliche als auch Erwachsene und Senioren. Tanz ist intuitiv, emotional zugänglich und er kann Sprachgrenzen überwinden. Durch seine integrative Wirkung spielt er bei der Begegnung von Kulturen eine immer bedeutendere Rolle. Im Bereich der kulturellen Bildung ist der Tanz eine ideales Mittel, um Kinder und Jugendliche motorisch, rhythmisch und mental zu interessieren und zu aktivieren.

Um den zeitgenössischen Tanz mit seiner ganzen Vielfalt und Qualität im Land und darüber hinaus noch stärker wahrnehmbar zu machen, haben die festen Tanzensembles und Vertreter der Freien Szene seit 2009 begonnen, sich als offene Interessengemeinschaft „TanzSzene BW“ zu vernetzen. Ich freue mich, dass sich dabei professionelle Tanzschaffende aus der Freien Szene und aus festen Häusern gemeinsam an einen „Runden Tisch“ setzen, um Ideen zu entwickeln und sich gemeinsam für den Tanz in Baden-Württemberg einzusetzen. Erste Früchte dieser Vernetzung sind Kooperationen ganz unterschiedlicher Gruppen bei der Beantragung von Fördermitteln.

Ich wünsche der TanzSzene BW für ihre Arbeit weiterhin viel Erfolg und hoffe, dass es gelingen wird, dem zeitgenössischen Tanz in der Kunstszene Baden-Württembergs den Stellenwert einzuräumen, den er verdient. Das Kunstministerium wird die TanzSzene BW auch im kommenden Jahr partnerschaftlich begleiten und nach Möglichkeit unterstützen.

Jürgen Walter MdL
Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft,
Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg