Tanz in Schulen
Die Interessengemeinschaft Zeitgenössischer Tanz in Baden-Württemberg gibt mit ihrer Initiative „TanzSzene BW“ einen wichtigen Anstoß für die Kulturelle Bildung. Mit großer Begeisterung habe ich miterleben können, wie Tänzerinnen und Tänzer, Compagnies und Choreografen ebenso wie Vertreter aus den Ministerien für Bildung und Kultur in einer gemeinsam Arbeitsgruppe geeignete Konzepte und Umsetzungsstrategien entwickeln, um Tanz in der Schule zu etablieren.
In den letzten Jahren haben sich in verschiedenen Bundesländern Aktionsbündnisse gebildet, die dem kreativen und zeitgenössischen Tanz einen wichtigen Platz in der künstlerisch-ästhetischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen einräumen. Sicherlich ist der neu gegründete „Bundesverband Tanz in Schulen“ ein wichtiger Impulsgeber (siehe: www.bv-tanzinschulen.de). Dennoch muss die Übertragbarkeit bereits existierender Modelle auch für Baden-Württemberg sorgfältig geprüft werden.
Die individuellen Vorgaben und Voraussetzungen lassen sich am besten aus dem schulischen Bildungsplan des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport in Stuttgart ablesen, der vor wenigen Jahren neu geschrieben wurde und einen klaren Paradigmenwechsel formuliert: Die Schulen erhalten größere Freiräume, um in Eigenverantwortung auf individuelle Gegebenheiten reagieren und ein Schulprofil entwickeln zu können. Instrumente dafür sind u.a. die Gestaltung eines internen Schulcurriculums, die Öffnung der Schule zu Partnern im Umfeld, die Förderung Projektorientierten Lernens sowie sog. Kontingentstundentafeln, die die Voraussetzung für eine flexible, auch fächerverbindende Unterrichtsgestaltung bieten. (siehe dazu Landesbildungsserver Baden-Württemberg: www.bildung-staerkt-menschen.de). Die hier nur kurz skizzierten Neuerungen der Bildungsreform können nicht hoch genug geschätzt werden, eröffnen sie doch den Schulen die Möglichkeit, künstlerisch-ästhetischen Angebote in Kooperation mit kompetenten außerschulischen Partnern aus Kunst und Kultur in den Schulen zu integrieren.
Von den schulischen Rahmenbedingungen her gesehen ist also der Weg frei für Tanz in Schulen. Bis zur vielfältigen und flächendeckenden Umsetzung gibt es natürlich noch viel zu tun. Zum einen müssen unterschiedliche Angebotsformate mit Tanzpädagogen und Choreographen in Zusammenarbeit mit Fachlehrern erprobt werden. Wenn Tanz alle Schüler erreichen soll, so kann der Unterricht als Modul z.B. in den Pflichtfächern Sport, Musik oder Künstlerisches Gestalten erteilt werden. Auch eine über mehrere Jahre andauernde Kooperation z.B. mit der Tanz-Sparte eines Stadttheaters oder einer freien Tanz-Compagnie birgt die Chance, die kulturelle Schulentwicklung nachhaltig umzusetzen.
Zum anderen gilt es bereits im Vorfeld gute Überzeugungsarbeit zu leisten, denn vor allem Lehrerkollegien und Eltern muss die besondere Kraft, die vom Tanz ausgeht, argumentativ vermittelt werden. Gesundheitsexperten, Neurobiologen, Erziehungswissenschaftler und Künstler haben in vielfältigen Untersuchungen aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven deutlich gemacht, dass Tanz und Bewegung umfassende Auswirkungen haben – sowohl auf die kreative, geistige und körperliche Entfaltung als auch auf das soziale Lernen und die Stärkung der Persönlichkeit.
Beim Tanzen können die Kinder und Jugendlichen ihr Gefühl für den eigenen Körper verbessern, neue Bewegungsformen ausprobieren und in ihr Bewegungsrepertoire integrieren. Das Experimentieren, Gestalten und Koordinieren beim Tanzen wirkt sich nicht nur förderlich auf das Körperbewusstsein aus, sondern stärkt zugleich das Selbstbewusstsein und die kognitiven Kompetenzen. Die Kinder erleben sich als selbständig handelnde, fähige Menschen, die mit „dem ganzen Körper“ gemeinsame Aufgaben lösen und gestalten. Der Tanz bietet die Möglichkeit, Kindern die Komplexität der Welt begreifbar zu machen. Dabei sind Sozialverhalten, Emotionalität sowie Natur-, Musik- und Rhythmus- Erfahrungen unersetzliche Faktoren.
Mit dem Tanz können auch gesundheitsfördernde Ziele mit der individuellen Förderung der Kompetenzen der einzelnen Kinder verbunden werden. Die Möglichkeit, die Welt sinnlich und nach eigenen Regeln zu erfahren, geht immer mehr verloren. Viele Schülerinnen und Schüler verbringen heute einen beträchtlichen Teil ihrer Freizeit, ohne selbst aktiv zu werden, weder in der Bewegung noch in ihrem Denken und Fühlen noch im Kontakt mit anderen. Motorische Schwierigkeiten, mangelnde Beweglichkeit, Fehlstellungen der Gelenke und nicht selten Übergewicht sind die Folge.
Diese und viele weiteren Argumente lassen sich anführen, um dem Anliegen der Initiative „TanzSzene BW – Runder Tisch Tanz in Schulen“ Gewicht zu verleihen. Die ersten Schritte sind bereits gegangen und ich bin davon überzeugt, dass in absehbarer Zeit Pilotprojekte an den Start gehen können, die große Begeisterung bei allen beteiligten Schülern, Eltern, Künstlern und Lehrern auslösen werden und sich auf immer mehr Regionen ausdehnen werden. Der Tanz in den Schulen Baden-Württembergs wird in naher Zukunft einen wertvollen künstlerisch-ästhetischen Beitrag für die aktive gesellschaftliche Teilhabe junger Menschen an Kunst und Kultur leisten.
Renate Breitig
Gründerin TUSCH
Theater und Schule Berlin